Das MMM Ripa, Räume der Begegnung
Ein Ort, der nicht erklärt, sondern verbindet: zwischen Kulturen, Zeiten und Erfahrungen.
Irgendwann in meiner Jugendzeit habe ich mich anstecken lassen, sprühte mein Vater doch nur so vor Ideen, was sein damals gerade begründetes Bergmuseumsprojekt betraf. Ich fand das alles ungemein spannend: wie Visionen Form annehmen, was architektonische Gegebenheiten bewirken können und wie am Ende Geschichten erzählt und erlebbar werden. Das trug einen Zauber in sich, der mich geprägt und begeistert hat. Und der bis heute anhält.
Dies ist für alle spürbar, die zu uns in die Messer Mountain Museen kommen – irgendwann kommt der Moment, wo jede*r für sich staunt, entdeckt und zu eigenen inneren Erkenntnissen kommt. Das macht einen Museumsbesuch bei uns zu einer einzigartigen Erfahrung und überrascht Menschen aus aller Welt Tag für Tag.
Insgesamt sind es sechs Begegnungsorte, die das Messner Mountain Museum, kurz MMM, ausmachen und die die Beziehung zwischen Mensch und Berg in all ihren Facetten beleuchten. Ein Mosaik, das den Besucher*innen den Blick öffnen kann auf Werte, die den Gebirgen der Erde seit Anbeginn innewohnen: Zeitlosigkeit, obwohl sie vergänglich sind; Gefahren, die wir zwar fürchten, aber heute nicht wahrhaben wollen; Entschleunigung, die wir alle dringend brauchen.
Schloss Bruneck: Symbol für Widerstandskraft und Wandel
Jahrelang war mein Vater auf der Suche nach dem idealen Platz für sein fünftes Museum, das den Lebensweisen, Kulturen und Herausforderungen der Bergvölker der Welt gewidmet sein sollte. Unter zahlreichen Orten, Gebäuden und Angeboten wurde Schloss Bruneck konkret.
Das mittelalterliche Schloss thront majestätisch über der Stadt und bietet einen herrlichen Blick auf die umliegenden Bergbauernhöfe, das Ahrntal und die Zillertaler Alpen. Seine dicken Mauern und schmalen Fenster zeugen von einer Zeit, in der die Menschen mit den rauen Bedingungen der Alpenregionen zurechtkommen mussten – eine Parallele zu den Bergvölkern, deren Geschichten das Museum erzählt. Es ist ein Ort, an dem sich die Werte der Bergvölker – Widerstandskraft, Anpassungsfähigkeit und der enge Bezug zur Umgebung – widerspiegeln; und ein würdiger Rahmen, um die Geschichten dieser Kulturen zu erzählen. Die Stadtnähe und damit gute Erreichbarkeit sowie die unmittelbare Nähe zum Südtiroler Volkskundemuseum, das die lokale bäuerliche Kultur zum Thema hat, machten es insgesamt zum perfekten Standort.
Ursprünglich war auch angedacht, die Grünflächen ringsum für einen Bergtierpark mit großen Freigehegen zu nutzen und Haustieren aus den Bergen der Welt, wie etwa Yak, Lama, Trampeltier, Kamerun-Schaf, Kaschmirziege, Tibet-Pony, ein Südtiroler Zuhause zu bieten. Dieses Konzept wurde allerdings nicht umgesetzt.
Das Museum als Erbe der Berge
»Hier kann ich zurückbringen, was mir Südtirol und seine Berge mitgegeben haben – auf eine spannende Entdeckungsreise zu den Bergen der Welt und in die dunklen Spalten meiner Seele.« So schrieb mein Vater 2007 an den damaligen Bürgermeister von Bruneck. Sein Ziel: Menschen zu sensibilisieren für die Herausforderungen der Bergvölker in einer globalisierten Welt.
Das MMM Ripa widmet sich nicht der Geografie oder dem Alpinismus, sondern den Menschen, die in Höhenlagen leben – auf allen Kontinenten. Der Name stammt aus dem Tibetischen: »ri« bedeutet Berg, »pa« Mensch. Im Zentrum des Museums steht die Frage, wie sich Menschen an extreme Bedingungen im Hochgebirge angepasst haben – und welche kulturellen, spirituellen und wirtschaftlichen Formen daraus entstanden sind.
Thematisch gegliedert, lädt die Ausstellung in verschiedenen Räumen ein zur Reise durch den Himalaya, den Atlas oder die Anden. Die Vielfalt ist beeindruckend, und doch zeigen sich ähnliche Lebensstrategien: in Handwerk, Ernährung, Glaube oder Architektur. Artefakte wie Werkzeuge, Kleidung, Musikinstrumente und Wohnräume veranschaulichen den Alltag. Zugleich geben religiöse Gegenstände und Bilder Einblick in spirituelle Welten und eine enge Verbindung zwischen Mensch und Natur.
Gemälde aus drei Jahrhunderten begleiten die Besucher*innen durch das Schloss. Moderne Architektur ergänzt das Historische behutsam und eröffnet neue Perspektiven. Musik, Sprache und Licht lassen die Atmosphäre spürbar werden – ein sinnliches, ganzheitliches Erleben.
Fokus auf Verbindendem statt Trennendem
Wir wollen im MMM Ripa nicht belehren, sondern anregen. Unser Ziel ist es, dass die Besucher*innen nicht nur etwas über fremde Lebenswelten erfahren, sondern auch neue Blickwinkel auf das eigene Leben gewinnen. Gerade in Zeiten von Klimakrise, Rechtsruck und kulturellen Vorurteilen brauchen wir Empathie, Respekt und Dialog.
Ein zentrales Element des Museums ist der direkte kulturelle Austausch. Über viele Jahre hinweg haben wir Feste, Themenwochen, Kongresse und zuletzt das Mountain Music Festival veranstaltet. Dabei luden wir Vertreter*innen verschiedener Bergvölker nach Bruneck ein – um voneinander zu lernen und gemeinsam neue Formen der Begegnung zu gestalten.
In Zukunft wollen wir den Fokus noch stärker auf die Gegenwart legen. Mit einem geplanten »Artists in residence«-Programm laden wir Künstler*innen aus Bergregionen ein, ihre aktuellen Erfahrungen, Sorgen und Visionen einzubringen. Diese zeitgenössischen Impulse sollen dann in die Dauerausstellung integriert werden – ein lebendiger, kollaborativer Prozess.
Balance zwischen Verantwortung und Sensibilität
Ein weiteres Spannungsfeld liegt in der Art der Präsentation der Kulturen. Uns ist bewusst, dass es viel Sensibilität erfordert, die Lebensweisen und Traditionen der Bergvölker authentisch darzustellen, ohne sie zu romantisieren oder simplifizieren. Auch die Vermittlung spirituellen und ökologischen Wissens an ein westliches Publikum ist anspruchsvoll. Hier möchten wir Verantwortung übernehmen und offen für Kritik und neue Perspektiven bleiben. Immer weniger wollen wir über, sondern zunehmend mit Gemeinschaften erzählen. Dazu gehört auch die Erweiterung der Ausstellung durch digitale Medien: mehr Hintergrund, mehr Kontext, mehr Stimmen. So wird sichtbar, dass viele Objekte nicht einfach »Exponate«, sondern bedeutungsvolle Kulturgüter sind – fern ihrer Herkunft.
Wichtig ist uns auch, unsere eigene Position zu hinterfragen. Wir berichten aus europäischer Perspektive – mit all dem kulturellen Kapital und der Geschichte, die damit einhergeht. Diese Sichtweise ist geprägt von Kolonialismus, Ungleichheit und Privilegien. Daher laden wir alle Besucher*innen ein, aufmerksam durchs Museum zu gehen – und sich selbst, ihre Herkunft und ihre Verantwortung zu reflektieren.
Ein Ort der Inspiration
Das MMM Ripa ist nicht nur ein Museum, sondern ein Ort, der Geschichten erzählt und Brücken schlägt – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Kulturen der Welt und den Besucher*innen. Es lädt dazu ein, die Vielfalt menschlicher Lebensweisen zu feiern und sich von der Widerstandskraft und Kreativität der Bergvölker inspirieren zu lassen.
Schloss Bruneck bietet dafür die perfekte Bühne. Es ist ein Ort, der Geschichte atmet und doch offen ist für neue Perspektiven. Dank des guten Zusammenspiels von Stiftung Sparkasse, Gemeinde Bruneck, dem Landesdenkmalamt, meinem Vater und dem Architekten Gerhard Mahlknecht ist es gelungen, den historischen Charakter der Anlage zu bewahren, während gleichzeitig Ausstellungsräume geschaffen wurden, die den Besucher*innen ein zeitgemäßes und barrierearmes Erlebnis bieten. So bleibt das Schloss gut erhalten und belebt. Für die Region Südtirol stellt das Museum, das sich ohne Subventionen selbst trägt und Touristen aus aller Welt anzieht, einen kulturellen Mehrwert dar.
Das MMM Ripa verbindet die lokale Geschichte Südtirols mit globalen Themen und macht Schloss Bruneck zu einem Ort, der Vergangenheit und Gegenwart auf spannende Weise vereint. Es ist mehr als ein Fenster in die Welt der Bergvölker – es ist ein Spiegel, in dem wir uns selbst und unsere Beziehung zur Natur erkennen können.
(Magdalena Maria Messner)