Welche Erkenntnisse entstehen, wenn wir einem schmelzenden Gletscher in Echtzeit zuhören?
Wie verändert sich unser Verhältnis zur Umwelt, wenn wir Zeug:innen einer Landschaft werden, die sich vor unseren Ohren wandelt?
5. Juni 2026, wir hören aus Bristol (UK)
Wir lauschen einer Live-Übertragung vom sogenannten „End der Welt“-Gletscher im Nationalpark Stilfserjoch in Norditalien. Die solarbetriebene Hörstation befindet sich auf etwa 2.600 Metern Höhe am Ortler und sendet seit dem 16. Juli 2025 kontinuierlich die Klangwelt des Gletschers — mit nur wenigen Sekunden Verzögerung.
Der Audiostream bildet ein lebendiges Archiv der Bewegungen und Rhythmen des Gletschers. Zu hören sind Schmelzwasserläufe, Geröllströme, die sich durch das Eis graben, Lawinen, Tiere, touristische Aktivitäten sowie Wind und Wetter, die in Echtzeit auf Mikrofone und Landschaft einwirken.
Wir hören Wasseradern, die talwärts fließen, Eisflächen, die sich verschieben, Moränen, die sich langsam bewegen wie schwere Decken. Immer wieder brechen Felsbrocken ins Schmelzwasser ein, während der Gletscher in den Sommermonaten Stück für Stück in sich zusammensinkt. Manche Geräusche wirken beinahe menschlich: das leise Entweichen von Luftblasen aus dem Eis, ferne Tierlaute, Schafe auf den höher gelegenen Weiden, die den instabilen Grund des Gletschers meiden.
Die kontinuierliche Live-Komposition öffnet eine Verbindung zwischen „hier“ und „dort“. Sie schafft eine Form entfernter Präsenz und verbindet uns mit mehr-als-menschlichen Lebensräumen, während diese sich verändern. Durch Klang, Technologie und Zuhören werden die beschleunigten Transformationen unseres Planeten unmittelbar erfahrbar.
Es geht dabei nicht darum, den Gletscher als verschwindende Landschaft festzuhalten oder zu konservieren. Vielmehr versucht die Arbeit, eine lebendige Beziehung zu einem Ort aufrechtzuerhalten, der sich in einem Zustand tiefgreifenden Verlusts befindet. Statt ein Archiv des Verschwindens anzulegen, entsteht ein akustischer Raum, in dem Umweltveränderung als fortlaufender Prozess erfahrbar wird — und nicht erst im Rückblick. Zugleich stellt die Arbeit Fragen nach den räumlichen und zeitlichen Verschiebungen von Ursache und Wirkung im Klimawandel.
Die Übertragung fragt danach, was es bedeutet, einem schmelzenden Gletscher in Echtzeit zuzuhören — und welche Formen von Aufmerksamkeit oder Verantwortung daraus entstehen können. Vielleicht geht es weniger darum, dem Gletscher zuzuhören, als vielmehr darum, gemeinsam mit ihm zu hören: ihn nicht als Objekt zu betrachten, sondern als eine Präsenz innerhalb ihrer eigenen Umwelt.
Während sich die Erde weiter erwärmt, Ozeane versauern und Gletscher sowie Polkappen schmelzen, verweist die Arbeit zugleich auf die Rolle technologischer Infrastrukturen und extraktiver Systeme. Die digitalen Technologien unseres Alltags, die uns verbinden und tragen, sind untrennbar mit den ökologischen Veränderungen verbunden, die wir erleben. Wie weit wollen wir technologischen Fortschritt vorantreiben — und was sind wir bereit, dafür zu verlieren?
Übertragung statt Aufnahme
Wesentlich an dieser Arbeit ist, dass sie keine klassische Aufnahme darstellt, sondern eine fortlaufende Übertragung. Sie trägt die Spuren ihrer Gegenwärtigkeit in sich: Entfernung, Signalstörungen, atmosphärische Einflüsse, Wetterbedingungen sowie die permanente Bewegung von Eis, Wasser und Luft.
Zu hören ist nicht nur die Instabilität des Gletschers, sondern auch die Fragilität der Übertragung selbst. Gerade darin entsteht eine besondere Form von Nähe — eine vermittelte Präsenz, die Verbindung, Distanz und Verletzlichkeit zugleich erfahrbar macht.
Die Arbeit verschiebt damit den Fokus ökologischer Klangaufnahmen: weg vom Bewahren, hin zur Beziehung. Nicht das Festhalten eines Verlustes steht im Mittelpunkt, sondern das fortdauernde In-Kontakt-Bleiben mit einem Ort, der sich unwiderruflich verändert. Die Dringlichkeit entsteht nicht durch Darstellung, sondern durch das unmittelbare Erleben einer Transformation im Moment ihres Geschehens.
Indem Zuhören als ein geteilter, mehr-als-menschlicher Prozess verstanden wird, eröffnet die Arbeit einen klanglichen Raum, in dem der Gletscher nicht nur hörbar wird, sondern selbst als Teil eines gegenseitigen Hörens erscheint.
Lia Mazzari
Anlässlich des World Environment Day lädt die Arbeit von Lia Mazzari dazu ein, unserer sich wandelnden Umwelt aufmerksam zuzuhören und die Beziehung zwischen Mensch, Technologie und Natur neu zu reflektieren. Der Live-Stream kann jederzeit über die Website der Künstlerin mitverfolgt werden und ist zudem vor Ort im MMM Firmian in Bozen sowie im MMM Ortles in Sulden hörbar — als gemeinsamer Moment des Zuhörens, Erinnerns und Gedenkens an den schmelzenden Gletscher.